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05.02.2010

Menschenrecht gilt auch für Mädchen

Die Beschneidung von Mädchen stellt immer und überall Körperverletzung dar – und beweist, dass es keine regional abgestufte Gültigkeit der allgemeinen Menschenrechte geben darf. Anstoß – der tägliche Kommentar auf ksta.de

von Tobias Kaufmann


Am Samstag begeht die Welt den "Internationalen Tag gegen die Mädchenbeschneidung". Letzteres ist ein euphemistischer Begriff für Genitalverstümmelung. Es gibt keinerlei Vorzüge und keinerlei Rechtfertigung, an dieser Tradition festzuhalten. Das unterscheidet sie grundsätzlich von der Beschneidung von kleinen Jungs, die man befürworten oder ablehnen kann. Die Beschneidung von Mädchen stellt immer und überall Körperverletzung dar – und ist ein krasses konkretes Beispiel dafür, dass es eben keine regional abgestufte Gültigkeit der allgemeinen Menschenrechte geben darf. Gegen die Beschneidung von Mädchen zu kämpfen, ist keine rassistisch-imperiale Einmischung in die Traditionen anderer Menschen. Sie hinzunehmen ist unterlassene Hilfeleistung.

Die Nicht-Regierungsorganisation WADI, die seit langem unter anderem im irakischen Kurdengebiet arbeitet, hat zum Aktionstag eine Untersuchung über die Genital-Verstümmelung von Mädchen im irakischen Kurdistan veröffentlicht. Ihr zufolge sind mehr als 70 Prozent der Mädchen und Frauen in dieser Region beschnitten. In manchen Gegenden sogar jede.

Die Mütter arrangieren die Verstümmelung

Die Studie gibt einen guten Eindruck davon, womit man es bei dem Phänomen Mädchenbeschneidung zu tun hat – und womit nicht. So ist es in allen untersuchten Gegenden Praxis, dass die Mütter die Verstümmelung ihrer Töchter arrangieren. Ausgeführt wird sie von den Großmüttern oder Dritten. Die Männer haben damit in der Regel nichts zu tun – in der Region Arbil geben drei Viertel der befragten Männer an, nicht einmal von dem Phänomen Genitalverstümmelung zu wissen.

Das heißt aber nicht, dass die Männer per se außen vor wären. Die Studie zeigt ebenso, dass außer den Frauen in der Familie keine Gruppe einen so großen Einfluss auf die Haltung zur Genitalverstümmelung haben wie religiöse Autoritäten. In der problematischsten Region Garmyan/Kirkuk, in der 80 Prozent der Frauen und Mädchen beschnitten sind, wird die Tradition vor allem mit dem Islam begründet. In anderen Regionen ist die Begründung eher kulturell – aber eine klare Anti-Haltung der religiösen Autoritäten fehlt offenbar fast überall. Dazu kommt, dass Sexualität im Allgemeinen und die Mädchenbeschneidung im Besonderen tabuisiert sind. Es wird nicht darüber gesprochen. Sexualaufklärung findet nicht statt.

Bildung allein hilft nicht

Interessanterweise betonen die Macher der Studie dezidiert, dass ihre Befunde in dieser Deutlichkeit wiederum nur möglich waren, weil im irakischen Kurdengebiet Strukturen und Freiheiten herrschen, die eine auf ehrlichen Interviews beruhende Untersuchung erst ermöglichen. Hoffnung macht daher auch, dass der Anteil der beschnittenen Frauen unter den Jüngeren deutlich geringer ist – die Tradition ist offensichtlich auf dem Rückzug. Gerade deshalb muss jetzt weltweit mehr gegen diese Praxis unternommen werden. Frauen mit höherem Bildungsgrad haben zudem größere Möglichkeiten (und häufiger den Wunsch), ihren Töchtern die Tortur zu ersparen. Zugleich machen die Zahlen aber deutlich, dass Bildung allein dieses Phänomen nicht beseitigen wird. 37 Prozent aller Frauen mit Universitätsabschluss sind genital verstümmelt. Bildung, Aufklärung, Unterstützung der Frauen ist ebenso gefragt wie eindeutige Gesetze, die das Beschneiden von Mädchen untersagen.

Der erste Schritt im Kampf gegen die Mädchenbeschneidung ist aber: Das Schweigekartell muss gebrochen werden. Übrigens auch innerhalb der internationalen Organisationen, die bisher zu oft davon ausgehen, dass überall dort, wo nicht darüber gesprochen wird, keine Genitalverstümmelung von Mädchen stattfindet. Die Menschenrechte gelten auch für Mädchen.


© Kölner Stadtanzeiger

 
 

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