|
Wadis Spielmobile: betreute Spielplätze auf Rädern
Wadi unterhält zwei Spielbusse. Die Teams dieser mobilen Spielplätze fahren an vier Tagen in der Woche mit den bunt bemalten Bussen in die armen und entlegenen Dörfer der Regionen Hauraman und Germian. In beiden Regionen leidet die Bevölkerung bis heute unter den vielfältigen Nachwirkungen der Giftgasangriffe und der so genannten Anfal-Operationen. Halabja geriet kurzzeitig unter die Herrschaft von radikalen Islamisten, die dort ein "Kalifat" errichteten, während Kifri lange Jahre umkämpfte Frontstadt zum von Saddam Hussein kontrollierten Teil des Irak war. Gewalt durchzieht die jüngere Geschichte wie ein roter Faden. Kinder haben in einem derart geprägten Umfeld ein hartes Leben und kaum Entfaltungsmöglichkeiten.
Im Gebiet von Hauraman rund um Halabja ist ein Bus unterwegs, der an seinem täglich wechselnden Bestimmungsort jeweils sehnsüchtig erwartet wird. So sehnsüchtig, dass die Kinder fremde Besucher kaum beachten. Eine Erfahrung, die von Besuchern aus Europa oder Amerika mit Erstaunen vermerkt wird, sind sie es doch gewöhnt, in einem abgelegenen kurdischen Dorf einen gewissen Attraktionswert zu besitzen. Aber wer das gesehen hat, versteht: Selten haben diese Kinder erlebt, dass sie im Mittelpunkt standen und ihre Bedürfnisse wirklich etwas zählten. Unbeschwert Spaß zu haben, ist für sie keine Selbstverständlichkeit. Spielplätze gibt es hier einfach nicht. Das Team des Spielmobils berichtet von einem kleinen Jungen, der dem Team mitteilite, bisher habe er immer gedacht, dass nur Kinder im Fernsehen solches Spielzeug hätten.
Unterwegs in einer vernachlässigten Region
Das Team des Spielmobils besteht aus einem Fahrer – der wenn es hoch hergeht auch mit Fußball spielt – und zwei Erzieherinnen. Sie sind an vier Tagen in der Woche von 8.30 bis 14 Uhr unterwegs, um ihren mobilen Spielplatz jeweils angekündigt in einem Dorf oder an einer Schule aufzuschlagen. Die Region wird trotz ihrer großen Bedürftigkeit bis heute von der Regionalregierung vernachlässigt. Es fehlt vor allem an Infrastruktur und medizinischer Versorgung. Viele Menschen leiden noch immer unter physischen und/oder psychischen Spätfolgen der Vernichtungsaktionen des Saddam-Regimes.
|
Viele Menschen leiden hier noch immer unter den Spätfolgen der Vernichtungsaktionen des Saddam-Regimes…
|
Wenn der Spielbus durch die Gegend tourt, fällt er sofort ins Auge. Seine Außenseite ist von dem bekannten kurdischen Künstler Rostam Aghala unter Verwendung von Kinderzeichnungen aus den Dörfern bunt gestaltet worden. An Bord des Busses befinden sich neben zahlreichen Spiel- und Malsachen auch Musikinstrumente, Sport- und Spielgeräte, Schreibutensilien, sowie eine kleine Kinderbibliothek. Solange der Bus in einem Dorf ist, können die Kinder alles nach Herzenslust nutzen. Die Sachen können auch ausgeliehen und beim nächsten Mal zurückgegeben werden. Zum Programm gehören organisierte Spiele, Wettrennen und eine Vorlesestunde. Alle Kinder umringen dann die Vorleserin, die meist ein Märchen, mit Illustrationen unterstützt, vorträgt.
2000 Kinder erwarten sehnsüchtig den Bus von Wadi
Ziel dieses Projektes ist es, die Entwicklung dieser gleich mehrfach benachteiligten Kinder durch spielendes Lernen zu unterstützen. Die Erfahrungen werden kontinuierlich erfasst und ausgewertet, um das Angebot in pädagogischer wie in praktischer Hinsicht zu optimieren. Ein Tag in der Arbeitswoche ist der Planung und Evaluierung innerhalb des Teams gewidmet. Das Team erhält bei seinen Aufenthalten auch gute Einblicke in die speziellen Probleme und Nöte der einzelnen Dörfer. Solche Informationen sind wichtig für die Planung neuer Projekte, und gegebenenfalls wird auch die regionale Verwaltung von Missständen in Kenntnis gesetzt, oder gegebenenfalls ein Kontakt zum Radio Denge Nwe hergestellt.
In der Regel werden die Orte je nach Wegstrecke, Anzahl der Kinder und der Situation vor Ort in regelmäßigen Abständen wieder besucht. Ein Spielbus kann etwa 50 Dörfer mit insgesamt bis zu 2000 Kindern betreuen.
Weitere Unterstützung wird gebraucht
Es überrascht nicht, dass der Spielbus fortlaufend neues Spielmaterial benötigt. Das Ausleihen und auch die kostenlose Verteilung von Kleinigkeiten wie Malblättern oder Stiften ist wichtig. Zur Grundidee des Projekts gehört dabei auch die gezielte Suche nach Unterstützung durch die lokalen Autoritäten, nach Kooperationen mit Schulen und nach Beiträgen von engagierten Einzelpersonen. So soll das Bewußtsein für die Bedürfnisse von Kindern geschärft werden. Ein nächstes Ziel ist zum Beispiel die Organisation eines „Kinderfestivals“, an dem sich mehrere Dörfer beteiligen könnten.
Immer wieder wird das Team des Spielmobils mit den Sorgen und Wünschen der Dorfbewohner und vor allem der Kinder konfrontiert, sei es die Frage nach Computerkursen oder die Bitte, an den Spieltagen doch auch etwas zu essen oder Kleidung anzubieten. In Dörfern, in denen es keine Schule gibt, ist der Wunsch nach einem Fahrdienst für Schüler nur allzu leicht nachzuvollziehen. „Ich habe geträumt“, hat einmal ein achtjähriges Mädchen dem Team des rollenden Spielplatzes anvertraut, „dass ihr in unserem Dorf bleibt und mit uns hier lebt.“ Oliver M. Piecha
|